AMIGA-Magazin · Ausgabe 1/99 · Betriebssysteme: AmigaOS

Aktuelles Heft 1/99

The Next Generation

Freitag, der 13. November war für den Amiga eine Glückstag. Auf der Computer`98- Pressekonferenz wurde durch die Entwicklungsabteilung von Amiga Inc. endlich der neue Partner für AmigaOS 5.0 bekanntge- geben. Hier die ersten Informationen zur neuen Kooperation.

von Jörn-Erik Burkert

Protection: Durch seinen speziellen Aufbau bietet der QNX-Microkernel volle Sicherheit aller OS-Komponenten
Mit Spannung erwarteten die Amiga-User im Presseclub auf dem Kölner Messegelände die Präsentation der Entwicklungsabteilung von Amiga Inc. Nach Reden von Petro Tyschtschenko, Jeff Schindler und Bill McEwen, betrat Dr. Alan Havemose das Podium und erläuterte den Zuhörern die Pläne für den neuen Amiga und OS 5.0. In diesem Zusammenhang stellte er den neuen Partner für das Betriebssystem vor ­ QNX (spricht: »kju-nix«). Jeff Schindler, Chef der Entwicklungsabteilung von Amiga Inc., über den neuen Partner für die neue Amiga-Architektur: »Der Amiga hat der Computerindustrie in den 80er Jahren mit Weltklasse-Technik auf dem Gebiet Multimedia einen Schock versetzt.

Das Real-Time-OS (RTOS) von QNX vereint viele der einzigartigen Qualitäten des Amiga in sich. Es bietet die Basis, um unsere Vision der Wiedergeburt des Amiga im nächsten Jahrtausend erfüllen zu können.« Es folgte eine Demonstration des Systems durch Dan Dodge, Chef der Entwicklungsabteilung und Mitgründer von QNX Software Systems Ltd. Dan Dogde zur neuen Partnerschaft: »Wir sehen diese Partnerschaft als starke Kombination aus überlegenen Betriebssystem-Technologien, gemeinsamer Firmenkultur und einer gemeinsamen Vision.«

Was oder wer ist QNX?

Message-Passing: Die Neutrino-Architektur erlaubt das Einbinden und Entkoppeln von OS-Modulen ohne eine Reboot
Das Unternehmen QNX Software Systems Ltd. beschäftigt sich seit Anfang der 80er Jahre mit der Entwicklung und Vermarkung von Realtime-Betriebssystemen. Zu den Kunden der kanadischen Firma gehöhren u.a. Kodak, Philips, Visa und die NASA. Man hat sich darauf spezialisiert, einen leistungsfähigen Kernel zu entwickeln, der nur geringe Speicherressourcen erfordert. Ein QNX-Demo bestätigt eindrucksvoll diese Angaben. Auf einen 1,44-MByte-Diskette findet man das komplette Betriebssystem, ein GUI, Internet-Zugang, einen Webserver und Browser. Das klingt auf den ersten Blick (in Zeiten, Windows und Co. Speicher zum Abwinken fordern) irrsinning ­ ist aber wahr. Wer es nicht glaubt, findet auf der Webpage von QNX das Demo zu Download. Zum Probieren benötigt man aber einen Intel-kompatiblen Rechner. Das heißt aber nicht, daß QNX nur auf Intel-PCs und Kompatiblen läuft ­ die Kanadier haben eine ganze Reihe Portierungen in petto und die aktuelle Version von QNX/Neutrino läuft auf folgenden CPUs:

Photon micro: Parallelen zu Windows, Amiga Inc. und die Firma QNX arbeiten aber an einer neuen GUI für AmigaOS 5.0

Der Kernel von QNX/Neutrino kommuniziert mit Hilfe von Treibern (Filesystem, Netzwerk, Devices oder Grafik) mit der Hardware. Programme, das grafische User-Interface (bei der Vorführung in Köln »Photon microGUI«) und alle Eingabe (z.B. Keyboard oder Maus) greifen quasi »von der anderen Seite« auf den Kern zu (s. »Protection«). Der Kernel fungiert also als Schnittstelle. Auf diese Art und Weise läßt sich das System modular erweitern, aber auch Prozesse auf verschiedene Rechner verteilen.

Firmenportrait: QNX Software Systems Ltd.
QNX Software Systems Ltd. wurde 1980 von Gordon Bell and Dan Dodge gegründet. Hauptaugenmerk der kanadischen Firma besteht darin, das »Real Time OS QNX« zu entwickeln und zu vermarkten. Stationen der Firmengeschichte:
  • 1981 erstes Microkernel OS für PCs
  • 1982 erstes PC-Betriebssystem mit Festplatten-Support (5 MByte Davong) 1983 erstes PC-Betriebssystem, das im 80286-Protec- ted-Mode läuft
  • 1984 ersmalige verteilte Prozesse auf PCs
  • 1986 Realtime OS auf einem 80386-PC von Compaq
  • 1990 Release des ersten POSIX-Realtime-Microkernel- OS
  • 1992 erstes Realtime OS mit » built-in fault-tolerant« Netzwerkfähigkeiten (FLEET)
  • 1994 Vorstellung der ersten Oberfläche für »embed- dable« Systeme (Photon microGUI)
  • 1996 Präsentation von QNX/Neutrino, dem ersten POSIX basierenden »Realtime Microkernel for deeply embedded Systems«
  • 1997 Release von »Voyager«, einem Webbrowser für Embedded Systems
QNX hat über 40 Vertretungen, die die Produkte der Firma in mehr als 100 Ländern rund um den Erdball anbieten. QNX hat seine europäische Hauptzentrale in der Nähe von London und seit September arbeitet man bei der QNX Software Systems GmbH am Aufbau einer deutschen Zentrale.

Als Vorteile des QNX-OS sieht man:

  • mehr Funktionialität bei geringem Speicherbedarf
  • Skalierbarkeit des Systems
  • hohe Performance (Entwickler arbeiten teilweise nur mit Pentium100!)
  • Kommunikation mit der Umwelt per Netzwerk als Bestandteil des Betriebssystems
  • Einhaltung von Standards und strikte POSIX-Konformität
  • Support der neuesten Hardware-Entwicklungen bei PCs

Das neue AmigaOS

Offen: QNX läßt sich leicht durch Software-Module skalieren und auf verschiedene CPUs portieren
Mit QNX hat Amiga Inc. einen erfahrenen Partner und einen sicher erprobten Kernel für AmigaOS 5.0. Beide Firmen wollen nun eine gemeinsame Strategie erarbeiten und um den Kernel das neue Betriebsystem für die nächste Amiga-Generation stricken. Das auf der Pressekonferenz in Köln gezeigte Demo von QNX/Neutrino ist keineswegs das komplette neue Amiga-Betriebssystem. Unkenrufe wie »Das sieht ja aus wie Windows 98 ­ das wird kein richtiger Amiga!« sind vollkommen fehl am Platz.

Durch die modulare Struktur ist es praktisch möglich, ein GUI nach eigener Wahl an den Kernel anzubinden. Eine Lösung für X-Windows-GUI existiert bereits (s. QNX-Website). Ein Indiz, daß der Amiga-Entwicklungsabteilung noch viel Arbeit bevor- steht, sind die Pläne der Einbindung von Multimedia, schneller 3D-Grafik, Animationen und Spiele. Die Anbindung ans Internet oder ein lokales Netzwerk dürfte sich als weniger problematisch erweisen, da die QNX für diesen Fall schon eine Lösung parat hat.

AmigaOS: Eigenschaften der nächsten Generation
Betriebssystem

  • Realtime-Betriebssystem (RTOS)
  • skalierbar und modularer Aufbau
  • premtives Multitasking mit Speicherschutz, Prozessen und Threads
  • minimale Speicheranforderungen (weniger als 4 MByte)
  • volle 32-Bit-Unterstützung
  • Unterstützung von virtuellem Speicher
  • ROM-fähig
  • Multiprozessor-Support
  • verteilte Prozesse möglich
  • OS-Aufbau offen für Standards Unterstützung für Industrie-Standards bei der API Multimedia
  • leistungsfähige 3D-Grafik mit OpenGL-Unterstützung
  • 24-Bit-Farbe
  • Unterstützung für TV-Normen, SVGA-Auflösungen bis hin zu HDTV
  • Focus auf Multimedia-Spiele
  • Echzeit-Animationen Internet/Netzwerk
  • voll netzwerkfähig
  • schnelle Internet-Anbindung
  • Java-Unterstützung
  • Netzwerk für den Homeuser Konvergenze
  • Unterstützung neuer digitaler Schnittstellen
  • Entwicklung Amiga-spezifischer Standards für fehlende Funktionen und Lösungen
Entwicklungen für QNX sollte man laut Amiga Inc. nicht vornehmen, da Amiga und QNX nur den Betriebssystem-Kern für die nächste Amiga-Generation nutzen werden. Es wird (wie schon gesagt) ein erweitertes User-Interface für die neue Maschine entwickelt. Weiterhin geplant: die Erweiterung der Multimedia-Eigenschaften des Systems. Bestehende Entwicklungen für AmigaClassic sollen sich relativ einfach portieren lassen. Das Schema bei der Entwicklung von Applikationen hat beim neuen Amiga viele Parallelen zur Classic-Reihe ­ man muß sich nur an die Vorgaben der neuen Amiga-API halten. Laut Amiga Inc. wird die Hardware komplett über Treiber angesprochen ­ Hacks und direkte Programmierung von Komponenten ist nicht möglich. Außerdem ist eine »Amiga Classic Card« auf PCI-Basis geplant, die die Nutzung von 68K-Software erlaubt ­ man muß also auf keine liebgewonnenen Applikationen verzichten.

Die neue Hardware

Auf der Pressekonferenz herrschte aber Funkstille in Richtung neuer Prozessor und Hardwareumgebung. Zwar wird im Internet schon heftig über die neue CPU spekuliert, aber laut Marketingchef Bill McEwen ist hier noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Die Struktur von QNX/Neutrino erlaubt es, das System zu portieren. Man ist an keinen Hersteller fest gebunden und wird die Wahl in den nächsten Monaten treffen. Letztlich ist es egal, welcher Prozessor im neuen Amiga arbeitet. Das System muß nur schnell sein und dem Käufer Freude bringen. Portierbarkeit muß aber nicht unbedingt heißen, daß das neue Betriebssystem auch auf den Maschine der Amiga-Classic-Reihe oder auf Amiga-PowerPC läuft. Der Aufwand wäre sicher erheblich und finaniziell ein Handicap.

Informationen:
Amiga Inc., 600 N. Derby Lane, P.O. Box 1842, N. Sioux City, SD 57049 USA, Tel. (++1 6 05) 23 AMIGA, (++1 6 05) 2 32 64 42, Fax (++1 6 05) 2 35 10 02, WWW: http://www.amiga.com
QNX Software Systems Ltd., 175 Terence Matthews Crescent, Kanata, Ontario, Kanada, K2M 1W8, Tel. (++1 8 00) 6 76 05 66, Fax (++1 6 13) 91 35 79, WWW: http://www.qnx.com


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Zuletzt aktualisiert am 06. Dezember 1998.